Grenzwelten • 2022 • Zwei Planetenromane von Ursula K. Le Guin

Rating: 4 out of 5.

To my English speaking followers: This omnibus contains two novels, The Word for World is Forest and The Telling. Reviews for both are available via links in the titles.

Ursula K. Le Guin ist nicht nur bekannt für ihre Erdsee-Fantasy Romane, sondern auch für ihre SF Werke, allen voran der Hainish-Zyklus. Umrahmt durch ihren gemeinsamen Weltentwurf können die Romane unabhängig voneinander gelesen werden. Wenn zwei von ihnen jedoch wie hier in einem Band gesammelt werden, ergibt sich eine wunderbare Gegenüberstellung und ein zusätzlicher Blickwinkel.

Die Auswahl von “Das Wort für Welt ist Wald” einerseits und “Die Erzähler” andererseits ist spanned in mehrerlei Hinsicht. Zum einen umspannen die beiden Romane mehr als dreißig Jahre Erzählens in diesem Universum, wobei Wort für Welt ist Wald in der sehr frühen Phase um 1968 entstanden ist, wohingegen “Die Erzähler” als letzter Hainish-Roman entstand. Zum anderen ähneln und ergänzen sie sich auch inhaltlich, denn bei beiden geht es um eine Kultur, die von einer technologisch fortgeschrittenen, aber zugleich ethisch zurückgebliebenen Kultur unterdrückt wird.

Widmen wir uns zunächst dem Kurzroman “Das Wort für Welt ist Wald”:

James Cameron’s Film “Avatar” liegt nun bereits wieder etliche Jahre zurück. Wer ihn gesehen hat kann sich sehr schnell in den Roman hineinversetzen, der sich beinahe wie eine Vorlage für den Film liest: Da gibt es den Wald, Ureinwohner (die hier grün statt blau sind und vielleicht ein Viertel so groß). Weiter gibt es den soldatischen Antagonisten und schlußendlich der Sieg des Guten über das Böse. Selbst das lucide Träumen der nativen Athsheaner findet ihren Widerpart in der Verbindung zum Avatarbaum.

Wer Le Guin liest, sollte an sich keine Feuerwerk an Action erwarten. Ihr literarischer Stil ist eher geprägt von introspektiven Anteilen und bedachtsam, oftmals lyrisch. Jedesmal wenn ich eines ihrer Werke lese, berührt etwas davon meine Seele. Hier jedoch gibt es ungewöhnlich viele Kämpfe zwischen Athsheanern und Terranern, die das Lesen recht kurzweilig machen.

Die Autorin entwickelt oftmals eine exotische Kultur, anhand derer sie unsere Gesellschaft reflektiert. Faszinierend ist in dieser Geschichte ihr Entwurf zum luciden Träumen. Tatsächlich gibt es auch in unserer Welt indigene Gesellschaften, die sich von Träumen stark leiten lassen. Bei den Athsheanern geht das soweit, dass sie denken die Terraner seien wahnsinnig, da sie so wenig Kontrolle über ihren Schlaf und Träume haben. 

Die Handlung folgt zwei Freunden. Der eine ist ein terranischer Forscher Davidson, der sich gegen das unterdrückende und arrogante Regime durch seine Firma wendet. Der andere ist der Athsheaner Selver, der zunächst nur den Mord seiner Frau an dem terranischen Hauptmann rächen möchte. Er führt einen Aufstand der eingesperrten Athsheaner herbei, der schließlich in einem Volksaufstand mündet. From Zero to Hero sozusagen.

Le Guin schrieb den Roman ursprünglich 1968 als Reaktion auf den Vietnamkrieg. Harlan Ellison erkannte sofort das Potential der Geschichte und veröffentliche sie 1972 im Rahmen seiner zweiten SF-transformierenden Anthologie “Again, Dangerous Visions”. Sie wurde mit dem Hugo-Award ausgezeichnet und sehr häufig wiederveröffentlicht. 

Die politische Verbindung mag damals relevanter gewesen sein als heute, aber der Roman leidet nicht darunter und ist auch in unserer Zeit äußerst lesenswert. 

Der zweite Roman des Bandes ist “Die Erzählung” und Le Guin’s letzter Roman im Hainish-Universum. Danach schrieb sie nur noch eine Kurzgeschichte, man kann es also durchaus als Abschlusswerk betrachten. Auch dieser Roman kann unabhängig von den anderen gelesen werden, und die Reihenfolge im Buch ist ebenfalls nicht ausschlaggebend. 

Der Roman folgt Sutty, eine Inderin und Sprachexpertin, die als Diplomat für das Hainish-Ekumen auf dem Planeten Aka arbeitet. Aka war noch vor ein paar Jahren ein Hinterweltplanet. Dann kamen die Hainish und die Gesellschaft dort wandelte sich um in eine fundamentalistische, technophile Monokultur.

Sutty erlebt eine Mischung aus politischen und religiösen Konflikten zwischen einem autoritären und unterdrückerischen Zentralstaat und einer indigenen Kultur. Der alte Glauben und die damit verbundene Kultur sind gänzlich verboten. 

Es dauert einige Zeit, bevor Sutty die sterile Hauptstadt mit seinen “Produzenten-Konsumenten” verlassen darf und ein Ausflug in das rustikale Hinterland genehmigt wird. Dort erhofft sich Sutty die Begegnung mit Resten aus den alten Gebräuchen. 

Tatsächlich findet sie Reste und Anzeichen der (verbotenen) Erzähltradition, von der sich der Titel ableitet. Als Leser denkt man sofort an Tibetanische Praktiken unter der Chinesischen Kulturrevolution, die auf Aka “der Marsch zu den Sternen” heißt. Sutty vertieft sich immer mehr in diese faszinierende Kultur, versucht (verbotene) Bücher zu finden und lernt (verbotene) Übungen. Immer auf ihren Fersen ist ihr dabei ein Regierungsagent, der versucht, die letzte (verbotene) Bibliothek zu finden.

Suttys neue Freunde führen sie schließlich tief in die Berge zu einem alten Kloster.

Können Sutty und das Ekumen diese Kultur vor der Ausrottung bewahren?

Ich denke, die Ähnlichkeit der beiden Erzählungen liegen auf der Hand, sind aber unterschiedlich genug, um beide lesenswert zu sein. 

In diesem Roman übertreibt Le Guin etwas ihre Liebe zum Taoismus und ihre Kritik an der industriellen Revolution, was etwas plump und langwierig wirkt. Andererseits kann man dem Roman nicht absprechen, auch über 20 Jahre nach der Veröffentlichung noch absolut relevant zu sein, angesichts der Chinesischen Repressionen gegen ganze Völker in in ihrem Herrschaftsbereich.

Die Erzählung ist nicht abgehoben oder esoterisch, der Leser kann förmlich Gerüche, Geräusche, Farben und tägliche Rituale fühlen. Das ist pure Immersion!  

Auch fällt es leicht, sich in Sutty hineinzuversetzen. Ausgehend vom Horror des unterdrückerischen Staates geht einem die Schönheit der Kultur der Landbevölkerung sehr nahe. 

Nun noch zu meiner Empfehlung: Leser, die Le Guins Hauptwerke “Die linke Hand der Dunkelheit” und “Planet der Habenichtse” noch nicht gelesen hatten, sollten dies zuerst nachholen. Vor allem, weil sie einfach grandios sind und aus meiner Sicht ein “Muss” für Genreliebhaber darstellen. Erst danach empfehle ich den vorliegenden Band.

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11 Responses to Grenzwelten • 2022 • Zwei Planetenromane von Ursula K. Le Guin

  1. Nataliya says:

    Nice review! My Google Translate got a workout 🙂

    Liked by 1 person

  2. Cathy says:

    Wort für Wald klingt tatsächlich stark nach Avatar. Vielleicht lese ich es doch irgendwann mal. Meine bisherigen Versuche mit Le Guin waren nicht super.

    Habe ich nicht was gelesen wegen einer Fortsetzung von Avatar?

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  3. bormgans says:

    Long time since you posted… I hope everthing is all right?

    Liked by 1 person

    • Andreas says:

      Thanks for asking, it feels good to be missed!
      Everything is fine! The reason why I didn’t post anything the last several weeks is that I‘m in gaming mode right. „Elden Ring“ sucked me in completely.
      I‘m bad at maintaining two hobbies at the same time, so gaming it is right now. But I‘ll come back soon! Just need to finish that one last foe 😎

      Like

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