Agency • 2020 • Cyberpunk/Zeitreise-Roman von William Gibson

★★★★☆

Inhalt:  Die Sequel zu “The Peripheral” alterniert zwischen zwei Zeitsträngen:

Wilf Netherton aus dem London des Jahres 2136 wird von der zwielichtigen “semimythischen autonomen Richterin-Vollstreckerin” Lowbeer beauftragt, sich in ins Jahr 2017 einzuschalten. 

Am anderen Ende der Kommunikationsleitung sitzt “App-Flüsterin” Verity Jane, die als Betatesterin einen digitalen Assistenten mittels einer VR-Brille mit Sprachinterface prüfen soll. Hinter dem digitalen Assistenten steckt der Avatar aus dem verschwommenen Titelbild: Eunice, die als künstliche Intelligenz Bewußtsein entwickelt hat. Eunice wirkt nicht kalt, sondern kommuniziert einfühlsam und straßentauglich:

Ich habe grad herausgefunden, dass ich einen Riesenhaufen Scheiße über diese Region weiß. Anscheinend bin ich dadrauf ziemlich spezialisiert.

“Ich hab noch nie eine KI so viel fluchen hören”, sagte Verity.

Veritys Zeitstrang ist durch die Kontaktaufnahme aus der Zukunft vom Hauptstrang entkoppelt und entwickelt sich eigenständig. Warum ist es gerade dieser Zeitstrang, für den sich Lowbeer und Netherton engagieren? Der Initiator war ein fehlgeleiteter “Klept”, einer dieser Ultrareichen, die es sich zum Hobby gemacht haben, in Vergangenheiten mitzumischen. In diesem Fall ist der Klept ein ausgesprochener Sadist, der sehen möchte, wie er größtmögliches Leid in Richtung des apokalyptischen “Jackpot” verursachen kann. Glücklicherweise wurde er von Lowbeer beseitigt, und Lowbeer fühlt sich für den Zeitstrang verantwortlich. 

Worin unterscheidet sich dieses 2017? Gibson musste den Roman einige Male umschreiben, denn zwei zentrale Elemente weichen von unserer Lage ab: Die USA hatten 2016 eine Präsidentin gewählt, und Großbritannien stimmte für “Remain” ab. Trotz dieser positiven Wendungen steuert die Welt dort auf eine globale Katastrophe in Form eines Nuklearkriegs zu, ausgelöst durch einen Konflikt im mittleren Osten.

Eunice entkoppelt sich von ihrer Firma, die die Kontrolle über ihren Ausschaltknopf hat. Die Firma möchte Veritys Verbindung zu Eunice trennen und ihren Kommunikator zurückhaben. Es entbrennt eine sehr gefährliche Jagd mit High-Tech aufgeladenem Versteckspiel. 

Review: Nach dem Review des ersten Bandes las ich direkt im Anschluß diesen Roman, daher waren mir die Charaktere und Umstände noch sehr gut bekannt. Ansonsten empfiehlt es sich, sich wieder vertraut zu machen, da Gibson keine Zeit mit Wiederholungen verschwendet. 

Der Roman startet in absolut Gibson-typischer Manier, inklusive detailverliebter Umgebungsschilderungen, High-Tech Neologismen, sowie Action ab der ersten Seite. Im Gegensatz zum ersten Teil hatte ich mich sofort zurecht gefunden. 

Überwältigend sympathisch fand ich die schnoddrige Schnauze der KI Eunice, die trotz ihrer Menschenähnlichkeit nie vergessen ließ, dass sie tatsächlich nur virtuell ist. Verity dagegen verblasste als Charakter und war immer nur getrieben, geführt, passiv. 

Die Handlung entwickelt sich in beiden Strängen atemberaubend schnell, Gibson legt keine Pause ein, die Welt zu retten. Eunice versucht “Handlungsmacht” zu erringen, mittels derer sie auf Ereignisse einwirken kann – auf Englisch das titelgebende “Agency”.

Bei all den aufregenden Ereignissen stellt sich am Ende dann doch Ernüchterung ein, da es keinen Showdown, keine ultimative Lösung gibt. In diesem Sinne erliegt Agency dem Syndrom eines mittleren Bandes der Lockdown-Trilogie. 

Agency ist 100% Cyberpunk mit Cutting-Edge Technologie, düsteren Kleptokraten, coolen Protagonisten und dystopischer Welt. Dieses Mal gemischt mit Zeitreise-Anteilen. 

Wer Peripheral bereits mochte, dem sei diese Fortsetzung ans Herz gelegt. Gibson arbeitet bereits am letzten Teil der Trilogie und es ist zu hoffen, dass es dieses Mal nicht so lange dauert.

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10 Responses to Agency • 2020 • Cyberpunk/Zeitreise-Roman von William Gibson

  1. Will says:

    Is “cyberpunk” in German just “cyberpunk”?

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  2. Wakizashi says:

    With a lot of help from Google Translate, I enjoyed reading your thoughts on ‘Agency’. I’m near the end of it now and will be reviewing it soon. I like what you wrote about Verity–she’s way too passive, isn’t she. And I can’t really feel her personality; who is she? I wanted a lot more of Eunice because she was very cool. Maybe she will reappear in the next book?

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    • Andreas says:

      Sorry that I had to write it in German – I‘ve got the translated book from German Netgalley and of course need to write reviews accordingly. Gladly, google translate is very capable.
      Have you seen the film „her“? Eunice remembers me a lot of that AI and I was angry to have lost her for half of the book.
      Your idea of getting her again in the third volume is appealing. But then again, we didn’t see anything of the first book‘s protagonist here – Gibson switches POVs.
      And Verity – well, she reads like a vehicle transporting the plot.

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      • Wakizashi says:

        No problem at all. It’s your native language so please don’t apologize! I enjoyed the whole process of reading it. At least the German-to-English translation is a lot better than the Japanese-to-English. Closer in syntax and structure, I guess.

        Yes, I have seen the movie “Her” and I see what you mean. This book is very heavy on the dialog, isn’t it! I wanted a bit more of the world-building, but it’s Gibson so what can you do?

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        • Andreas says:

          Gibson is strong on world-building: after reading you know all the brand names of duffel bags and lipstick colors.
          But I guess you want more of the technical background of the time travel and the remoting of the robots. Gibson indeed doesn’t describe such elements; he throws them into readers‘ faces and continues the heist.

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          • Wakizashi says:

            I wanted a clearer picture of what the world looks like. More on the setting, if you know what I mean. Yes, he really enjoys all the branding of goods. I also think his dialog writing is great. 🤓

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