Steinerner Himmel • 2020 • High Fantasy Roman von N.K. Jemisin

★★★★★

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Steinerner Himmel beginnt exakt dort, wo der vorhergehende zweite Band endete – kein Übergang, keine Rückblende, nichts. Wer also wie ich schon einige Zeit nicht mehr in dieser Trilogie war, tut gut daran, sich mittels Wikipedia-Zusammenfassungen warmzulaufen (oder einfach die vorherigen Romane erneut zu lesen). Aber keine Sorge: Der Roman ist es absolut wert, die Mühen in Kauf zu nehmen, denn dafür bekommt man sprachmächtige Prosa, spannende Dialoge und innovative Weltgestaltung geboten.

Dieser Roman führt die “Broken Earth” Trilogie zu einem fulminanten Ende – auch wenn das Epische erst im letzten Viertel deutlich erkennbar wird. Bis dahin arbeitet sich die Autorin an der Mutter-Tochter Fernbeziehung ab, die man erst dann völlig begreift, wenn man das Nachwort liest: Zwei Lebensumbrüche konfrontierten die Autorin während sie das Buch schrieb, nämlich dass sie ihren geliebten Beruf als Psychologin aufgab und dass sie das letzte Jahr ihrer Mutter begleitete. Es ist also nicht weit hergeholt, wenn man vermutet, dass einige Entscheidungen der Hauptprotagonistin Essun darauf zurückzuführen sind, dass Jemisin den Tod ihrer Mutter verarbeitete.

Essuns ständiger Begleiter Hoa dient als Erzähler der Geschichte, und er spricht Essun in ihren Kapiteln ständig in der zweiten Person an – was lange Zeit befremdlich wird, und erst ganz zum Schluß logisch aufgeklärt wird (aber hier nicht beschrieben werden soll). Die ganze Trilogie war bereits eine einfühlsame Beziehungsgeschichte zwischen Essun und ihrer Tochter Nassun. Beide finden sich an gegenüberliegenden Seiten der Welt und auch ihre Intentionen entwickelten sich stark gegenläufig bis zu dem Extrem, dass Nassun als Antagonist die Menschheit zerstören möchte, um ihren Wächter Schaffa zu retten. Essun hingegen möchte der Menschheit eine zweite Chance bereiten und ihrer Tochter eine Zukunft verschaffen, indem sie das Werk ihres versteinerten Mentors Alabaster fortsetzt und den Mond wieder zur Erde zieht. Dabei gibt sie Teile ihres Körpers auf, welche versteinern sobald sie Magie wirkt:

Die Maske der Emotionslosigkeit verrutscht, und plötzlich erkennst du, dass ihn die Vorstellung abstößt, wie Hoa dir den Arm abkaut.

Wie Nemisin diese unterschiedlichen Beziehungen balanciert und zum Abschluss bringt, ist ein Meisterwerk der Fantasy. Die vielerorts zitierte “Neudefinition der High Fantasy” halte ich für etwas überzeichnet. Doch die Vielschichtigkeit in Soziologie, Welthintergrund, Beziehungen und Philosophie bieten für ein zweites Lesen der Trilogie etliche Neuentdeckungen, die mir beim ersten Lesen sicherlich durch die Lappen gegangen sind.

Nemisin feuert gerade im letzten Viertel einen Großteil ihrer magischen Munition der Weltgestaltung ab, die in diesem Roman sichtlich mehrere zehntausend Jahre umspannt. Bis dahin spart sie sich in diesem Band vieles auf und verwendet die Konzentration auf die Ausgestaltung der Beziehungen zu den anderen Handlungsträgern.

Die deutsche Übersetzung von Susanne Gerold war durchgehend adäquat. Ins Auge gestochen ist mir lediglich die Wahl von “sem”/”ser” Pronomen für das nichtbinäre Geschlecht, was laut nichtbinär-Wiki passend aber gewöhnungsbedürftig ist. Im Original verwendet die Autorin für Dushwha das singulare Pronomen “they”, um das nichtbinäre Geschlecht zu markieren.

Die Prosa hat einiges an Herausforderungen zu bieten. Zum einen kapitelweise Perspektivwechsel – Hoa spricht Essun in ihren Kapiteln in der zweiten Person an, referenziert Nassun in der dritten und in seinen eigenen Kapiteln wechselt er in die erste Person. Häufige Zeitsprünge benötigen einige Sätze Kontext, um sich wieder zurechtzufinden. Und schließlich erlaubt sich Nemisin keinerlei Trivialitäten in den Beziehungen – nichts ist einfach, direkt, die Erzählung ist durchzogen von Unsicherheit und Ironie, die sich der Leser erarbeiten muss. Kurz: Nichts für Anfänger. Trotz dieser Schwierigkeiten kommt der Lesefluss nicht ins Stocken, sondern fließt zunächst ruhig dahin. Im letzten Viertel mündet die Erzählung in einem reißenden Thriller, den ich nicht mehr stoppen konnte.

Einige der einprägenden Sätze bleiben haften, auch längere Zeit nachdem das Buch ausgelesen ist.

»Ich glaube«, sagt Hoa langsam, »wenn du jemanden liebst, hast du nicht die Wahl zu entscheiden, wie sie dich zurücklieben.«

So viele Schichten in dieser Bemerkung.

Der amerikanische Publikumspreis Hugo für jeden der drei Bände war also hochverdient, und ich möchte erfahreneren Fantasy-Lesern die Trilogie wärmstens empfehlen – für Einsteiger in dieses Genre könnte die komplexe Geschichte und ihre Perspektivwechsel allerdings eine Herausforderung darstellen.

Meta: Deutsche Ausgabe erscheint am 1.7.2020 bei Droemer Knaur; dritter Band der Trilogie “Die große Stille”. Die englische Ausgabe “Stone Sky” der Trilogie “Broken Earth” erschien 2017.

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